STADTSTRECKE

1906 wurde auf dem heutigen Bochumer Stadtgebiet mit der Kleinbahn Bochum – Gerthe – Harpen ein zweiter Verkehrsbetrieb gegründet. Der südliche Endpunkt der am 23. Dezember 1908 eröffneten Verbindung nach Gerthe und Harpen war der Schwanenmarkt im Norden der Bochumer Innenstadt. Hier bestanden gute Umsteigeverbindungen zu der nahegelegenen Rheinischen Bahn (Bahnhof Bochum-Nord).

In der Konzessionsurkunde vom 30. Oktober 1908 hatte der Regierungspräsident in Arnsberg der Kleinbahn auch die Weiterführung der Strecke vom Schwanenmarkt zum Bahnhof Bochum-Süd genehmigt. Bis spätestens zum 30. September 1909 sollte diese Ergänzung in Betrieb genommen werden, um für die Gemeinden Gerthe und Harpen eine Verbindung zur Bergisch-Märkischen Eisenbahn herzustellen.

Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG blockierte das Vorhaben. Sie berief sich einerseits das von der Stadt Bochum zugesicherte Monopol zum Bau und Betrieb aller Straßenbahnstrecken innerhalb des Stadtgebiets. Andererseits verweigerte sie der Kleinbahn die Kreuzung ihrer Gleise an der Brückstraße und an der Alleestraße.

Als die Betriebe kurz davor standen, die Sache gerichtlich klären zu lassen, setzte sich der Regierungspräsident in Arnsberg davür ein, den Konflikt auf dem Weg einer gütlichen Vereinbarung zu klären. Mit Erfolg.

KREUZUNGSFREI

Der Kompromiss sah vor, dass der Bau der Strecke vom Schwanenmarkt zum Bahnhof Bochum-Süd von der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG koordiniert werden sollte. Nach der Fertigstellung der Strecke sollten beide Gesellschaften die Gleise gemeinschaftlich nutzen.

Für die Stadtentwicklung ergab sich daraus ein beachtlicher Vorteil: Die Einigung ermöglichte innerhalb der Stadt für die zum Bahnhof Bochum-Süd führenden Linien aus Wattenscheid, Herne, Wanne, Harpen und Gerthe / Castrop einen kreuzungsfreien Richtungsverkehr: für die Fahrt in Richtung Bahnhof sollten die neuen Gleise der Bochum-Castroper Straßenbahn GmbH genutzt werden, für die Fahrt vom Bahnhof in Richtung Norden die bestehenden Gleise der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG.

Die von der Straßenbahn „vorgegebene“ Fahrtrichtung wurde bis in die Nachkriegszeit hinein auch für den zunehmend motorisierten Individualverkehr beibehalten.

SECHS MONATE BAUZEIT

Nachdem die Stadt Bochum die Nutzung der Straßen genehmigt hatte, wurden im Mai 1910 die ersten Gleise verlegt. Ende September 1910 war die Strecke fertig. Sie wurde sofort in Betrieb genommen.

Im Gegensatz zur Kortumstraße gab es in der Victoriastraße und in der Kaiserstraße nur wenige Geschäfte. Deshalb gibt es zur Illustration der Stadtstrecke nur wenige Postkarten. Noch seltener sind zeitgenössische Fotos:

  • An dieser Stelle kreuzte die Stadtstrecke die Brückstraße:
    Links die Einmündung der Thomasstraße, rechts die der Augustastraße.
    Unbekannter Postkartenverlag - Sammlung Stadt Bochum, Pressestelle

Die 1,36 Kilometer lange Neubaustrecke begann am Schwanenmarkt. Sie führte zunächst durch die Kanalstraße bis zur Thomasstraße. Über die recht steile Augustastraße und die obere Mühlenstraße wurde das Bochumer Rathaus erreicht.

Vom Rathaus aus verlief die Strecke über die Victoriastraße und die Kaiserstraße zum Bahnhof. Im Verlauf der Victoriastraße gab es eine Ausweiche sowie ein Anschlussgleis auf den Hof des Kaiserlichen Post für den Güterverkehr.

Am Bahnhof entstand in Verlängerung der Kaiserstraße ein etwa 30 Meter langes Stumpfgleis als Endstelle für die Linie 1 der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG und für die Kleinbahn. Mit einem Gleisbogen wurde das neue Gleis an die bereits seit der Jahrhundertwende bestehende Endstelle der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG angeschlossen.

Das Beitragsbild zeigt die Stadtstrecke in Höhe des Bochumer Rathauses (Stadt Bochum, Pressestelle). Triebwagen 521, der hier auf der Linie 6 in Kürze sein Fahrtziel erreicht hat, wurde 1926 von der Mainzer Waggonfabrik Gastell geliefert. Als das Foto aufgenommen wurde, war somit der Bau eines neuen Rathauses bereits beschlossen.

Der Plan illustriert – allerdings auf Basis eines Luftbildes aus den 1920er-Jahren – die Lage der Straßenbahnstrecken in der Bochumer Innenstadt nach der Fertigstellung der Stadtstrecke (© RVR – 1925-1930 – dl-de/by-2-0).

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Das folgende, vermutlich im Sommer 1911 in der Bahnhofstraße aufgenommene Postkartenmotiv dokumentiert den Betriebsablauf nach der Inbetriebnahme der Stadtstrecke: Der Triebwagen der Bochum-Castroper Straßenbahn ist nach Harpen oder Castrop unterwegs und wird jetzt in die Friedrichstraße abbiegen (Postkartenverlag „HKE“ – Sammlung Ludwig Schönefeld).