BRIEFE UND PAKETE

Briefe und Pakete waren um die Jahrhundertwende die ersten Transportgüter der Straßenbahn. Das erste Unternehmen, das auf dem heutigen Bochumer Stadtgebiet Post transportierte, war die Bochum-Castroper Straßenbahn. Sie verfügte seit 1909 über ein Anschlußgleis zur „Postnebenanstalt Gerthe“. Von dort wurde die Post mit eigens dafür bei der Waggonfabrik Uerdingen beschafften Anhängewagen (515 und 516) bis zum Schwanenmarkt in Bochum transportiert.

Für den Weitertransport der Post vom Schwanenmarkt zum Kaiserlichen Postamt an der Kreuzung Alleestraße / Victoriastrasse Bochum („Postamt Bochum 1“) und zum Kaiserlichen Postamt am Bahnhof Bochum-Süd („Postamt Bochum 2“) wurden Pferdefuhrwerke verwendet.

Beim Bau der sogenannten „Stadtstrecke“ vom Schwanenmarkt zum Bahnhof Bochum-Süd wurde 1910 ein in der Victoriastrasse abzweigendes Gleis auf den Hof der Kaiserlichen Post gebaut. Das Umsetzgleis der ursprünglichen Endstelle am Schwanenmarkt konnte während der Bauarbeiten an der Stadtstrecke nicht mehr zum Be- und Entladen der Postanhänger genutzt werden.

Als Ersatz entstand für den Postverkehr ein 50 Meter langer Abzweig vom Schwanenmarkt in die Rheinische Straße – einschließlich eines Umsetzgleises. Dieses Gleis blieb nach Abschluß der Bauarbeiten an der Stadtstrecke im Besitz der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG. Sie hatte die Bauarbeiten in der Stadt im Auftrag der Bochum-Castroper Straßenbahn koordiniert.

VERZICHT AUF PFERDE

Nach der Fertigstellung der Stadtstrecke wurden die Postanhänger aus Gerthe von den Linientriebwagen bis zur Ausweiche in der Victoriastrasse mitgeführt und dann rückwärts auf den Posthof geschoben. Für die Rückfahrt nach Gerthe wurde der Anhänger in gleicher Weise abgeholt. Die Zufahrt zum Posthof ist auf dem nachfolgenden Foto (Stadt Bochum, Pressestelle) recht gut zu erkennen.

Mitte 1913 stimmte die Eisenbahnverwaltung dem weiteren Ausbau der Straßenbahn-Gleisanlagen am Bahnhof Bochum-Süd zu. Zugleich genehmigte sie die Verlängerung des 1910 angelegten Endstellengleises quer über „ihren“ Bereich des Bahnhofsvorplatzes zum Hausbahnsteig des Bahnhofs und zum „Postamt Bochum 2“, das sich in einem Anbau links vom Bahnhofsgebäude befand.

Vom Postgleis auf dem Bahnhofsvorplatz sind bislang keine Bilddokumente aus normalen Betriebstagen bekannt. 1920 wurde das Gleis genutzt, um eine von Erich Siepmann aus Bochum vertriebene Werbepostkarte für die im gleichen Jahr stattfindende „Bochumer Industrie Woche“ zu inszenieren. Dazu wurde ein Weyer-Triebwagen auf das Postgleis gefahren. Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde ein mit Grünpflanzen besetzter Torbogen errichtet, mit dem Bochum die zur „Industrie Woche“ anreisenden Gäste begrüßte. Die historisch wertvolle Postkarte hat mir der Bochumer Heimatforscher Eberhard Brand zur Illustration dieses Kapitels zur Verfügung gestellt.

Neben der Postkarte zur „Industrie Woche“ existiert nur noch ein weiteres Bild des Bahnhofs Bochum-Süd, auf dem das Gleis zu erkennen ist:

  • Bei einem Besuch des Reichskanzlers Hindenburg entstand dieses Foto - mit dem Postgleis.
    Privatfoto - Sammlung Dirk Ernesti

Nach der Inbetriebnahme des Postgleises konnte auch die mit der Eisenbahn transportierte Post direkt in die Anhänger der Straßenbahn umgeladen werden. Post und Straßenbahn konnten damit ganz auf den „Zwischentransport“ mit Pferdefuhrwerk verzichten.

Für den nunmehr umfangreicheren Postverkehr beschaffte die Straßenbahn einen dritten Postbeiwagen bei der Waggenfabrik Uerdingen (517).

AUSWEITUNG DES POSTVERKEHRS

In den folgenden Jahren wurde der Postverkehr weiter ausgebaut. Um den Linienverkehr vom Posttransport zu entlasten, wurde 1913 ein ehemaliger Triebwagen der Märkischen Straßenbahn zum Posttriebwagen 518 umgebaut und wie die Beiwagen gelb lackiert. Darüber hinaus wurden 1916 noch einmal drei einachsige Anhängewagen (521 bis 523) bei der Waggonfabrik Wehling in Essen beschafft.

Der Posttriebwagen wurde bis bis 1927 ausgemustert. Die Postbeiwagen 515 und 517 gelangten 1938 in den Bestand der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG, die sie als Hilfsgerätewagen weiter nutzte. Beide Fahrzeuge wurden im Krieg zerstört.

POST(WAR)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Posttransport wieder aufgenommen. Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden regelmäßig Postbeutel mit der Straßenbahn befördert. So regelte ein erhalten gebliebener Postbeförderungsvertrag vom 15. Februar 1968 den Transport von Postbeuteln zwischen Bochum und Gelsenkirchen (Dienstag bis Freitag).

Die Postbeutel wurden an den Haltestellen Gelsenkirchen Hauptbahnhof, Wattenscheid Post und Bochum Rathaus von Mitarbeitenden der Post bereitgestellt und auch dort abgeholt.