BOCHUM PRÄSIDENT

Über die Jahrzehnte wurde kontinuierlich in den Ausbau der Straßenbahnstrecke von Bochum nach Wanne investiert. Stück um Stück wurde der Fahrweg der Straßenbahn ausgebaut und modernisiert.

EIN NEUER BAHNHOF

Ein großes Hindernis für die Straßenbahnverbindung nach Wanne war der niveaugleiche Bahnübergang der Dorstener Chaussee am Bahnhof Bochum-Präsident. Um lange Wartezeiten zu vermeiden, fuhr die Straßenbahn deshalb – wie beschrieben zunächst über die Querstraße und die Straße „Unter den Linden“. Sie kreuzte die Bahnlinie mit einer Überführung.

Wichtige verkehrspolitische Ziele der Bochumer Kommunalpolitik in den 1920er-Jahren waren in diesem Kontext ein grundlegender Umbau des Bahnhofs Bochum-Präsident, der Bau einer Straßenunterführung zur Kreuzung der Rheinischen Bahnstrecke und damit einhergehend die Beschleunigung und der zweigleisige Ausbau der Straßenbahnstrecke nach Wanne.

Insbesondere sollte mit dem Bahnhofsumbau auch die Straßenbahntrasse in der Querstraße und in der Straße „Unter den Linden“ aufgegeben werden. Stattdessen sollte die Straßenbahn auf direktem Weg über die Dorstener Straße von Bochum nach Hamme fahren.

Um das Vorhaben umzusetzen, mussten die Bahntrasse höher und die Dorstener Straße tiefer gelegt werden. Dazu waren große Erdbewegungen nötig. Einige Häuser aus der Jahrhundertwende mussten abgebrochen werden. Nicht zuletzt sollte auch das einst vom Bahnhof Herne nach Bochum-Präsident umgesetzte Bahnhofsgebäude durch einen städtebaulich ansprechenden Neubau ersetzt werden.

1922 wurden die Arbeiten aufgenommen. Als Bauzeit wurden rund vier Jahre veranschlagt.

UMLEITUNG FÜR DIE STRASSENBAHN

Da für den Umbau nicht nur die inzwischen als „Dorstenerstrasse“ bezeichnete Dorstener Chaussee, sondern auch die Einmündung der Querstraße tiefergelegt werden musste, wurde für die Straßenbahn eine Umleitungsstrecke gebaut. Sie verlief aus Richtung Wanne von der Ausweiche in Höhe der Hildegardstraße über die Zechenstraße, die Haldenstraße, ein kurzes Stück der Hofsteder Straße und die Emscherstraße zur Herner Straße. Hier mündete das Gleis in die bestehende Strecke von Bochum nach Herne an.

Der nachfolgende Plan auf Basis von Luftbildern aus den 1920er-Jahren (© RVR – 1925-1930 – dl-de/by-2-0) dokumentiert den Verlauf der Umleitungsstrecke während der Tieferlegung der Dorstener Straße.

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ABSCHLUSS UND DOKUMENTATION DER BAUARBEITEN

Im Verlauf des Jahres 1925 wurde das neue Bahnhofsgebäude fertiggestellt.

1926 wurden das ehemalige Restaurant von Wilhelm Pielken, der als Pächter die neue Gaststätte im Bahnhof übernahm, und das Nachbarhaus abgebrochen. An ihrer Stelle entstand der neue Bahnhofsvorplatz. Auch die Brückenbauarbeiten und die Installation der Fahrleitung für die nunmehr zweigleisig trassierte Strecke in der Dorstener Straße konnten jetzt fertiggestellt werden.

Das Eckhaus Dorstener Straße / Querstraße steht bis heute. Anhand des Niveauunterschieds zwischen der Straße und dem Erdgeschoss des Gebäudes kann man nachempfinden, wieviel Erdreich am Bahnhof Präsident bewegt wurde. Vor den Häusern Dorstener Straße 55 bis 59 wurde das Erdreich mit einer Stützmauer zwischen Bürgersteig und Straße abgefangen.

Trotz des Umfangs der Bauarbeiten hat die Stadt Bochum den Umbau der Dorstener Straße nur auf wenigen Fotos dokumentiert. Der nachfolgende Slider enthält die in der Sammlung der Pressestelle erhaltenen Aufnahmen.

Die Gleisbauarbeiter widmeten sich 1927 einem neuen Projekt: Der Fortsetzung des zweigleisigen Ausbaus der Straßenbahntrasse in der Herner Straße. Die Umleitungsstrecke der Straßenbahn von der Dorstener zur Herner Straße wurde nicht mehr gebraucht. Sie wurde demontiert. Bis heute geblieben ist auch hier lediglich eine Oberleitungsaufhängung am Haus Emscherstraße 15.

  • Zum Bau der Unterführung am Bahnhof Präsident musste die Dorstener Straße abgesenkt werden.
    Das Wohnhaus mit der Restauration von Willy Pielken wurde abgebrochen.
    Stadt Bochum, Pressestelle

UNFALLSCHWERPUNKT

Die Straßenunterführung am Bahnhof Präsident war nach den Maßstäben der 1920er-Jahre großzügig bemessen. Gleichwohl blieb sie über Jahre mit 3,50 Metern eine der niedrigsten Durchfahrten im Verkehrsnetz der Bochumer Straßenbahn: Wenn ein Fahrer zu zügig in die Unterführung einfuhr, konnte der Pantograph schon einmal auf das Wagendach schlagen.

Deutlich schwerwiegender waren die von forschen LKW-Fahrern verursachten Unfälle. Bei einigen dieser Unfälle wurde die Brücke auf ihren Lagern verschoben. Um die für Bahn und Individualverkehr gefährliche Situation zu entschärfen, wurde die Dorstener Straße Ende der 1990er-Jahre unter der Brücke tiefer gelegt. Seither weist die Unterführung eine lichte Durchfahrtshöhe von vier Metern auf. Die Stützen der Brücke sind mit massiven Betonmauern geschützt.

Der Straßenbahn ermöglichte die Tieferlegung der Straße den freizügigen Einsatz der im Vergleich zu den Standardwagen höheren M-Wagen. Auch die modernen Variobahnen sind dank des Umbaus der Unterführung problemlos auf der Linie 306 unterwegs.

Dringend notwendige Korrosionsschutz- und Ertüchtigungsarbeiten an der Konstruktion der Brücke führten zuletzt im September und Oktober 2019 zu einer vorübergehenden Vollsperrung der Unterführung. Die Linie 306 musste über mehrere Wochen zwischen dem Bahnhof Präsident und Wanne-Eickel Hauptbahnhof mit Omnibussen betrieben werden.

Das Beitragsbild zeigt den Bahnhof Bochum-Präsident am 2. September 1949 (Stadt Bochum, Pressestelle). Zahlreiche Besucher des zwischen dem 1. und 4. September 1949 in Bochum ausgerichteten 73. Katholikentages nutzten den Bahnhof damals als Alternative zum Bahnhof Bochum-Süd für die Anreise. Links im Bild ist die Unterführung der Dorstener Strasse gut zu erkennen.

Die abschließenden Fotos wurden zwischen 1962 und 1979 von Peter Rauwerda aufgenommen. Immer wieder suchte er den Bahnhof Präsident auf, um an dieser Stelle auch exemplarisch den Wandel der Stadt zu dokumentieren. Dabei liegt der Fokus nicht allein auf der Straßenbahn.

  • 1962 waren diese langen Straßenbahnzüge, gebildet aus einem in eigener Werkstatt gebauten
    Gelenkwagen mit schwebendem Mittelteil und einem KSW-Beiwagen auf der Linie 6 unterwegs.
    Foto Peter Rauwerda