GÜTERTRANSPORTE

POST

Zu den frühesten Gütertransporten mit der Straßenbahn gehörte der Transport von Post. Das erste Unternehmen, das auf dem heutigen Bochumer Stadtgebiet Post transportierte, war die Bochum-Castroper Straßenbahn. Sie verfügte seit 1909 über ein Anschlußgleis zur Postnebenanstalt Gerthe. Von dort wurde die Post mit eigens dafür beschafften, gelb lackierten Anhängewagen bis zum Schwanenmarkt in Bochum transportiert. Der Weitertransport bis zum Kaiserlichen Postamt in Bochum wurde mit Pferdefuhrwerken durchgeführt. Für das Umsetzen der Postanhänger wurde das Umsetzgleis der Ausweiche am Schwanenmarkt genutzt.

Beim Bau der sogenannten „Stadtstrecke“ vom Schwanenmarkt zum Bahnhof wurde 1910 ein vom Streckengleis in der Victoriastraße abzweigendes Gleis auf den Hof der Kaiserlichen Post in Bochum gebaut. Aus Richtung Gerthe wurden die Postanhänger bis zur Ausweiche in der Victoriastraße mitgeführt und dann rückwärts auf den Posthof geschoben. Bei der Rückfahrt nach Gerthe musste der Anhänger in der Ausweiche zunächst umgesetzt werden.

Infolge der Bauarbeiten an der Stadtstrecke – von Anfang Mai bis zum Ende September 1910 – konnte das Umsetzgleis der ursprünglichen Endstelle am Schwanenmarkt nicht mehr für die Postanhänger genutzt werden. Deshalb entstand für den Postverkehr ein 50 Meter langer Abzweig vom Schwanenmarkt in die Rheinische Straße – einschließlich eines Umsetzgleises. Dieses blieb nach Abschluß der Bauarbeiten an der Stadtstrecke im Besitz der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG. Sie hatte die Bauarbeiten in der Stadt im Auftrag der Bochum-Castroper Straßenbahn koordiniert.

Für den Posttransport hielt die Bochum-Castroper Straßenbahn drei spezielle Postanhänger vor. Später wurde durch die Westfälische Straßenbahn auch ein Triebwagen für den Postverkehr bereitgestellt.

LEBENSMITTEL UND MILCH

Der fortschreitende Erste Weltkrieg führte im Verlauf des Jahres 1916 in ganz Deutschland zu einem zunehmenden Mangel an Pferden. Die Bochumer Fuhrunternehmen konnten nur unter großen Schwierigkeiten die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln sicherstellen.

Vor diesem Hintergrund regte die Gemeinde Gerthe an, Lebensmittel vom Güterschuppen der Straßenbahn am Bahnhof Bochum-Nord über das 1910 angelegte Anschlußgleis der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG bis zur Apotheke in Gerthe zu befördern – möglicherweise unter Nutzung des dort vorhandenen Gleisanschlusses der Post.

Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG stimmte dem Transport von Lebensmitteln durch die Westfälische Straßenbahn über die Gleise in der Kanalstraße von und zum Bahnhof Bochum-Nord zu. Aufgrund der zugleich aufgerufenen hohen Anschlußkosten verzichtet die Westfälische Straßenbahn GmbH jedoch auf den Straßenbahntransport. Sie beschaffte kurzerhand Lastautomobile, um die Notlage der Gemeinde Gerthe zu lindern.

Ein weiterer Vorstoß der Gemeinde Gerthe betraf den Transport von Milchkannen vom Stückgutgleis am Bahnhof Bochum-Süd zur Apotheke in Gerthe. Im September 1917 wurden erstmals Milchkannen mit an den Linienwagen angehängten Güterwagen nach Gerthe gefahren.

Die Deutsche Reichsbahn war bei der Zustellung der Stückgutwagen sehr unzuverlässig. Da für die Be- und Entladung des Güterwagens zusätzliches Personal bereitgestellt werden musste, wurde der Milchverkehr nach zwei Monaten wieder eingestellt: Personal war im Ersten Weltkrieg schlichtweg wertvoller als Milch.

MASCHINENTEILE

Zwei weitere Güterverkehrsprojekte im Ersten Weltkrieg betrafen die Maschinenfabrik G. Wolff in Linden und die Firma Dr. C. Otto in Dahlhausen.

Von diesen Projekten sind nur der Bau und die Abnahme der Anschlussgleise am 26. Oktober 1918 dokumentiert. Insgesamt entstanden 260 Meter Strecke und eine 50 Meter lange Ausweiche für die Firma Dr. C. Otto und 165 Meter Gleis für den Anschluss der Maschinenfabrik G. Wolff.

Vorhandene Dokumente deuten darauf hin, dass auf diesen Gleisen bis 1924 ein bescheidener Güterverkehr durchgeführt wurde. 1925 wurde dieser aufgegeben. Am 20. Oktober 1927 begann der Abbau der Gleise.

BODENAUSHUB UND BAUMATERIAL

RATHAUS NEUBAU

Ein wichtiges Städtebau-Projekt, der Bau des neuen Rathauses in Bochum, brachte 1926/27 erneut Güter auf die Straßenbahn. Für den Abbruch des alten Bochumer Rathauses und den Bodenaushub des Neubaus wurde parallel zur Strecke nach in Richtung Wattenscheid, Eppendorf und Höntrop ein Gütergleis gebaut. Das Material wurde mit Güterwagen zum Baulager Hamme der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG gefahren, wo es bis zur weiteren Verwendung zwischengelagert werden konnte.

SCHAFFNERWEG

Ein weiteres Gütergleis im Bochumer Netz der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG gab es für kurze Zeit zwischen Eppendorf und Weitmar:

Für den Bau einer neuen Straßenbahnersiedlung der Bochumer Heimstätten e.G.m.b.H. am Schaffnerweg in Weitmar wurde ein Anschlußgleis für Materialtransporte in Höhe der Haltestelle „Kamplade“ angelegt. Es zweigte in Höhe der gleichnamigen Gaststätte von der Strecke nach Oberdahlhausen ab.

Der Bau der Siedlung ging auf eine politische Initiative im Jahr 1934 zurück. Ziel war es, den Siedlungsbau zu fördern. 62 Mitarbeitende der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG bewarben sich um eine Siedlungsstelle. Nachdem sie als politisch geeignet eingestuft worden waren, konnten sie sich an dem Projekt beteiligen.

Das kurz vor der Stadtgrenze liegende Grundstück für den Bau der Siedlung erwarb die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG im Mai 1935 für 28.000 Reichsmark. Sie übernahm auch die finanziellen Bürgschaften. Die Erschließungsstraße und die Häuser mußten in Eigenleistung erstellt werden. Zudem mußten die Siedler je nach Haustyp 8.000 bzw. 10.000 Reichsmark selbst aufbringen.

Im März 1936 begannen die Bauarbeiten. Um das Gütergleis zur Baustelle anzulegen, wurde in der Ruhrstraße eine Kletterweiche verlegt. Von dieser führte das Gleis über einen noch heute erkennbaren Feldweg bis zur Baustelle. Über eine 90-Grad-Kurve wurde der Schaffnerweg erreicht. In diesem wurden das Gleis und die Oberleitung bis zum „Bremkamp“ fortgeführt. So konnten fast alle Baugrundstücke von den Materialzügen erreicht werden.

Sand und Kies für die Siedlung wurden vom Rhein-Herne-Kanal aus Herne geholt. Das Bauholz kam vom Straßenbahnbetriebshof in Witten, der über ein Anschlußgleis der Reichsbahn verfügte.

Die Ziegel für die Siedlungshäuser lieferten die Zeche „Friedrich der Große“ in Herne und die Hattinger Henrichshütte.

Überliefert ist nur, wie die Ziegel an der Henrichshütte geladen wurden: In einem Streckenabschnitt der Linie nach Blankenstein, der unmittelbar an der Werksmauer der Hütte entlanglief, hatte man für die Straßenbahner-Siedlung eine provisorische Ladestelle geschaffen. Der Güterzug wurde über die Mauer hinweg über eine aus Brettern gefertigte Schütte mit den Ziegeln beladen.

GEMÜSE UND MINERALÖL

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Gütertransport mit der Straßenbahn ein letztes Mal aktuell. Da zunehmend Lastkraftwagen für den Krieg in Anspruch genommen wurden, bereitete die Versorgung des Bochumer Großmarktes an der Stühmeyerstraße zunehmend Probleme. Gelöst wurden sie 1942 mit dem Bau eines Anschlussgleises. Es zweigte kurz hinter dem „Kortländer“ von der Dorstener Straße zum Großmarkt ab.

Über den neuen Gleisanschluß konnten die Transporte mit entsprechend umgebauten Arbeitswagen abgewickelt werden. Umschlagplatz für die per Eisenbahn nach Bochum gelieferten Lebensmittel war das bestehende Ladegleis der Straßenbahn am Bahnhof Bochum-Nord. Sechs Triebwagen, ein ehemaliger Beiwagen und zehn offene Güterwagen wurden zwischen 1941 und 1943 für den als „Gemüsewagen“ hergerichtet. Mit dem Kriegsende wurden die Transporte eingestellt.

Die 1913 gebauten Wasser-Sprengwagen I und II wurden zwischen 1943 und 1946 zum Transport von Mineralöl verwendet. Später kam der verbliebene Triebwgen I noch bis zum Juli 1980 bei der Unkrautbekämpfung auf Strecken mit eigenem Bahnkörper zum Einsatz. Seit 1985 ist er – einer Initiative des Autors dieser Webpräsenz folgend – als Museumsfahrzeug erhalten, derzeit aber nicht öffentlich zugänglich.

POST(WAR)

Nach dem Krieg – post war – gab es in Bochum keinen Straßenbahn-Güterverkehr. Ein 1948 von der Nederlandsche Buurtspoorweg-Maatschappij (NBM) übernommener vierachsiger Gütertriebwagen (Triebwagen 660) kam in Bochum bis 1960 als Arbeitswagen, aber nicht für Gütertransporte zum Einsatz.

Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden allein Postbeutel noch regelmäßig mit der Straßenbahn befördert. So regelt ein erhalten gebliebener Postbeförderungsvertrag vom 15. Februar 1968 den Transport von einem Postbeutel von Gelsenkirchen nach Bochum (Dienstag bis Freitag).