ERÖFFNUNG

Am 23. November 1894 wurde die 6,88 Kilometer lange Straßenbahnstrecke von Bochum nach Herne eröffnet.

Die Vorbereitungen für die offizielle Eröffnungsfahrt begannen an diesem nebeligen Novembertag bereits früh am Morgen. In der Nacht war Schnee gefallen. Die Temperaturen lagen nach historischen Wetterdaten (Bremen) zwischen – 2 Grad am Morgen und 3,9 Grad am Nachmittag. Es war stark bewölkt.

Um Störungen während der Eröffnungsfahrten zu vermeiden, wurden die Fahrten am frühen Vormittag von mehreren Streckenarbeitern begleitet. Sie sorgten mit Schneebesen und Schaufeln dafür, dass Gleise und Weichen keine Probleme bereiteten. Das von den Streckenarbeitern genutzte Pferdefuhrwerk ist gleich mehrfach auf den Siemens-Fotos zu sehen.

Um kurz vor 8 Uhr war der von Siemens & Halske beauftragte Fotograf an der Gaststätte von Ferdinand Kortländer (oben). Anhand der von ihm aufgenommenen Fotos habe ich versucht, den Ablauf des Eröffnungstages zu rekonstruieren. Daraus ergibt sich auch, warum Triebwagen 5 als „Eröffnungswagen“ in die Geschichte einging.

Am 23. November 1894 blieb kein Fahrzeug der aus fünf Triebwagen bestehenden Erstausstattung der Bahn im Depot an der Vödestraße: Triebwagen 2 und 3 rückten zum Kortländer aus, ihnen folgte Triebwagen 1, während die Triebwagen 5 und 4 nach Herne fuhren.

Anders als in Bochum, wo es an der Endstelle eine Ausweiche gab, war die Endstelle an der Vinckestraße ein Stumpfgleis, so dass immer der in Fahrtrichtung vorne stehende Triebwagen die Endstelle als erster wieder verließ. Dadurch veränderte sich im Laufe des Vormittags die Reihenfolge der Wagen.

Die erste im Bild festgehaltene Fahrt von Bochum nach Herne unternahm Triebwagen 2. Es darf vermutet werden, dass Triebwagen 3 als zweiter Wagen mit dem Fotografen folgte.

An der Ausweiche kurz vor der Stadtgrenze (heute Kreuzung Herner Straße / Veimannstraße / Oberscheidstraße) entstand das zweite Foto: Triebwagen 4 und 5 kommen aus Herne. Triebwagen 3 steht bereit, um die Fahrt nach Herne fortzusetzen. Der Fotograf wartet in Riemke auf die Wagen 1 und 4, die als nächstes „Tandem“ aus Bochum kommen. Nachdem diese im Bild festgehalten sind, fährt er mit Triebwagen 4 weiter nach Herne.

In der Ausweiche an der Kreuzkirche in Herne wartet Triebwagen 1 auf den Fotografen. So entsteht das Bild mit Triebwagen 1 und 4 in Richtung Herne, während Triebwagen 3 bereits mit Ehrengästen auf der Fahrt nach Bochum kreuzt.

Triebwagen 5 wartet zu diesem Zeitpunkt am „Kortländer“ auf die Fahrgäste für die offizielle Bochumer Eröffnungsfahrt, die für 12 Uhr angesetzt ist. Triebwagen 2 ist auf der Strecke mit Fahrtziel Ausweiche „Gantenberg“ (heute Kreuzung Herner Straße / Poststraße / Vierhausstraße).

Nach einem Schnappschuss von Triebwagen 1 und 4 in der Herner Bahnhofstraße fährt der Fotograf mit Triebwagen 4 bis zur Ausweiche Gantenberg zurück. Auf dem Weg dorthin entsteht ein weiteres Bild kurz vor Riemke.

Das Bild mit dem offiziellen Bochumer Eröffnungstriebwagen wird schließlich an der Ausweiche Gantenberg aufgenommen. In einem mit dem Foto an der Kreuzkirche vergleichbaren Arrangement fotografiert der Siemens-Fotograf nunmehr die Bochumer Ehrengäste im Triebwagen 5.

Damit bleibt Triebwagen 5 als erster „offizieller“ Straßenbahnwagen zwischen Bochum und Herne in Erinnerung.

Die Ausweiche „Gantenberg“ hatte man nach dem Haus Gantenberg zu Hofstede benannt. Sie lag unmittelbar an der Flurgrenze zwischen Bochum, Hofstede und Riemke. 1820 hatte man das Grundstück Gantenberg ebenso wie die benachbarte „Löchtermann’sche Bulksmühle“ im Zuge einer Grenzbereinigung der Gemeinde Riemke zugeordnet. Ein zu Gunsten der Stadt Bochum ausgetragener Rechtstreit gab dieser weiterhin das Recht, von den Familien Löchtermann und Gantenberg sowie von einigen Bauern, deren Felder in dem strittigen Gebiet lagen, Steuern zu erheben. An die 1938 abgerissene Mühle erinnert bis heute die Straße „Bulksmühle“.

Es darf vermutet werden, dass die Herner Ehrengäste, die bereits an der Kreuzkirche fotografiert worden waren, nach einer Stärkung bei Ferdinand Kortländer mit Triebwagen 3 nach Herne zurückgebracht wurden.

Der Märkische Sprecher kommentierte die Eröffnungsfahrt am 24. November 1894 wie folgt:

Der Betrieb der elektrischen Straßenbahn Bochum – Herne hat gestern seinen Anfang genommen. Schlag 12 Uhr setzten sich zwei Wagen (Triebwagen 5 und Triebwagen 3) … von der Ausgangsstelle gegenüber der Restauration Becker aus mit etwa 20 – 25 Passagieren in Bewegung. Auf dem Vorderperron des ersten Wagens befanden sich der Erbauer der Bahn, Herr Baumeister Denninghof und der Leiter des Betriebs Herr Ingenieur Heinze. Sonst nahmen offizielle Persönlichkeiten an der Fahrt nicht theil. Dieselbe ging im Übrigen glatt von Statten, und genau zur fahrplanmäßigen Zeit traf man in Herne ein, wo namentlich die liebe Schuljugend das neue Verkehrsmittel mit sichtlicher Freude begrüßte.

  • Triebwagen 2 unternahm am 23. November 1894 um 8 Uhr der erste Fahrt von Bochum nach Herne.
    Siemens Historical Institute