LINIE 9

Während die Innenstadt-Verbindung von der Dorstener Straße zum Bahnhof Bochum-Süd für den Netzausbau in den Bochumer Süden essentiell war, diente die 1912 eröffnete Verbindung vom Rechenerbusch (Waldstraße) über die Königsallee und die Bochumer Innenstadt zur „Kaiser-Aue“ in Grumme allein dem innerstädtischen Verkehr. 1913 wurde sie im Ehrenfeld bis zur Wohlfahrtstraße und in Grumme bis zur Schachtanlage Constantin der Große 6/7 verlängert.

BOCHUMS SCHÖNSTE STRASSENBAHN

Für einige Straßenbahnfreunde ist die „9“ als schönste Strecke, die jemals in Bochum verkehrte. Vom Bahnhof Bochum-Süd aus passierte sie auf ihrem südlichen Streckenast den Westfalenpark und das 1908 eröffnete, 1914/15 zum Stadttheater umgebaute Appollo-Theater. Anschließend fuhr sie über die Königsallee durch den eleganten Stadtteil Ehrenfeld. Dabei wurden die Gleise ab der Kreuzung mit der Farnstraße beidseitig am als Allee angelegten Mittelstreifen bis zur Wohlfahrtstraße geführt.

Auf diesem Teilstück lagen hinter dem Theater das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Bochumer Heimatmuseum im ehemaligen Adelssitz Haus Rechen, anschließend das Parkhotel sowie die heutige Graf-Engelbert-Schule und die Schillerschule.In Höhe der Schulen lag auf der stadtauswärts rechten Seite der Rechener Park.

An seinem Eingang gab es eine elegante Wartehalle mit Fahrkartenverkauf, die bei unterschiedlicher Nachnutzung in den 1990er-Jahren zusehends zerfiel und trotz konservatorischer Rettungsversuche 2019/20 abgebrochen wurde.

Die südliche Endstelle der Linie lag in Höhe der Wohlfahrtstraße.

AUSFLUGSZIELE

Auf dem nördlichen Streckenast wurde die Linie zwischen der Innenstadt und Grumme über die elegante Kaiser-Wilhelm-Straße und die Bergstraße bis zur sogenannten „Kaiser-Aue“ geführt. Die Strecke wurde zunächst eingleisig angelegt. Der zweigleisige Ausbau erfolgte Anfang der 1920er-Jahre.

Die Straßenbahn erschloss auf diesem Teilstück die Oberrealschule am Kaiser-Wilhelm-Denkmal (heute Goethe-Gymnasium), den Stadtpark und das bis 1974 existierende Ausflugslokal „Kaiser-Aue“. Dieses war 1902 durch den Gutsbesitzer Theodor Helf an den Grummer Teichen errichtet worden. Hier gab es Fahrgeschäfte und sportliche Attraktionen für die Stadtbevölkerung.

Auf dem letzten Streckenstück erreichte die Bahn über die heutige Tenthoffstraße die Endstelle an der Zufahrt zur Schachtanlage Constantin 6/7 in der Hiltroper Straße.

Die neue Linie wurde am 15. Dezember 1912 als Linie 9 in Betrieb genommen. Mit Wirkung vom 22. Mai 1937 wurde sie unter dieser Bezeichnung bis zur Kaiseraue (diese Schreibweise war inzwischen üblich) zurückgezogen. Zur Zeche Constantin fuhr jetzt nur noch die Verstärkerlinie 19.

Aufgrund der Zerstörungen in der Innenstadt musste die Linie 1944 eingestellt werden.

Erst am 1. Mai 1947 war der Betrieb zwischen Bochum-Süd und der Kaiseraue wieder möglich. Ein Jahr später, am 3. August 1948 konnte die Linie wieder auf der gesamten Länge in Betrieb genommen werden.

FOTOGRAFISCHE REISE

Das Beitragsbild aus der Sammlung des Grummer Heimatforschers Heinz-Günter Spichartz entstand im Sommer 1915. Es zeigt den damals gerade drei Jahre alten Triebwagen 171 (Uerdingen 1912) an der Endstelle Kaiser-Aue in der Josephinenstraße. Der Straßenbahnwagen war der zweite Prototyp einer am Ende 70 Triebwagen in fünf Bauserien umfassenden Standardbauart für die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG.

Für die Grummer Heimatforscher ist das privat entstandene Foto ein Juwel. Am 15. September 1915 schickte der Fahrer der Straßenbahn, sein Vorname war August, das Bild an einen Freund oder Verwandten nach Ulm. Er schrieb auf der Rückseite: „Lieber Willi – Finden Sie ein kleines Andenken von mir mit meiner Schaffnerin.“

Die nachfolgende „fotografische Reise“ vermittelt einen Eindruck von der Fahrt mit der Linie 9, zunächst vom Bahnhof Bochum-Süd nach Süden zum Rechenerbusch, dann vom Handelshof durch die Innenstadt nach Grumme.

  • Die Hotels am Bahnhof Bochum-Süd waren ab 1914 das gesellschaftliche Zentrum der Stadt.
    Verlag L. Zwiebeling, Bochum - Sammlung Ludwig Schönefeld