GERTHE – HILTROP

Der Geschäftsführer der Bochum-Castroper Straßenbahn GmbH und spätere Direktor der Westfälischen Straßenbahn GmbH, Paul Müller, war zeitlebens ein Visionär und ein ebenso leidenschaftlicher Verfechter neuer Straßenbahnprojekte. Es war ihm ein Anliegen, jede passende Gelegenheit zum Ausbau des ihm anvertrauten Straßenbahnbetriebs zu nutzen.

Von großem Vorteil war für alle Straßenbahnbetriebe ein direkter Anschluss an die Staatsbahn, vor allem für die Anlieferung von Baumaterial und neuen Fahrzeugen. Über einen solchen verfügte die Bochum-Castroper Straßenbahn nicht. Vom Betriebshof in Gerthe bis zur nächstgelegenen Staatsbahnstrecke waren es immerhin 9 Kilometer.

Eine Alternative war ein Anschluss an die Zechenbahn der Schachtanlage Lohringen I/II, die rund 1,3 Kilometer vom Betriebshof entfernt lag.

Es gab vermutlich in dieser Sache diverse Gespräche zwischen der Gewerkschaft Lothringen und der Straßenbahn. So richtig „fliegen“ wollte das Vorhaben gleichwohl nicht.

SPORTLICHE KONTAKTE

Als die Gewerkschaft Lothringen den Plan fasste, auf Hiltroper Gebiet die 1907 abgeteufte Schachtanlage „Lothringen IV“ weiter auszubauen, nahm die Zechendirektion, vermutlich in Person von Grubeninspektor Fritz Tengelmann (1879 – 1943) mit Paul Müller Kontakt auf. Da die neue Schachtanlage einstweilen noch keinen Gleisanschluss hatte, sollte die Straßenbahn mittels Rollwagen Baustoffe von der Schachtanlage „Lothringen I/II“ zur Baustelle von „Lothringen IV“ befördern.

Tengelmann und Müller kannten sich gut. Gemeinsam mit Amtmann Hans von Köckritz unterstützten sie die Gründung des Fußballvereins „Spiel und Sport Gerthe“. Später spielten sie in dessen Prominentenmannschaft.

Paul Müller war schnell für das Projekt gewonnen. Anfang April 1911 wurde damit begonnen, ein Anschlussgleis von der Lothringerstraße über die heute nicht mehr existierende Kirchstraße zum Verladegleis an der Schachtanlage „Lothringen I/II“ und ein weiteres Gleis von der bestehenden Straßenbahnstrecke zur Baustelle der Schachtanlage „Lothringen IV“ zu bauen.

Bereits nach einem Monat, am 1. Mai 1911, waren die Gleisanlagen fertiggestellt. Am 2. Juni 1911 konnte die Anlage mit landespolizeilicher Genehmigung in Betrieb genommen werden.

Paul Müller erwähnt in der Chronik zum 10jährigen Bestehen der Westfälischen Straßenbahn, dass die Endstelle an „Lothringen IV“ in Hiltrop aufgrund der zunächst „ungenügenden Ausbildung“ im Juli 1911 weiter ausgebaut wurde. Offen bleibt hingegen der genaue Streckenverlauf.

BETRIEB MIT ROLLWAGEN

Nicht überliefert ist die Betriebsführung auf den Anschlussgleisen. Nach aktueller Quellenlage wurden die Baumaterialien im Rollwagen- oder Rollbockverkehr mit aufgesattelten, normalspurigen Staatsbahnwagen vom Anschlussgleis „Lothringen I/II“ zur Baustelle „Lothringen IV“ transportiert.

Wie viele Rollwagen oder Rollböcke dafür zum Einsatz kamen ist ungeklärt. Als sicher gilt, dass im Geschäftsjahr 1911/12 ein Rollwagen vorhanden war und im Mai 1917 ein als „Rollbock“ bezeichnetes Fahrzeug nach Rheydt abgegeben wurde.

ZUKUNFT IM PERSONENVERKEHR

Zum Jahreswechsel 1913/14 liefen die Baustellentransporte aus.

Paul Müller hätte die Strecke anschließend gerne als Verbindung nach Hiltrop ausgebaut und im Personenverkehr betrieben. Ein Plan, der nicht realisiert werden konnte. Er schreibt in der Chronik:

„Leider musste der ganze Anschluss schon nach einigen Jahren wieder aufgegeben werden, denn die von der Gemeinde Gerthe an die Straßenbahn erhobenen Forderungen gelegentlich die Pflasterung der Kirchstraße schlossen jede Rentabilität des Anschlusses aus. Im Februar 1914 wurde die Gleis- und Oberleitungsanlage sowohl in der Kirchstraße wie auch die Abzweigung in der Lothringerstraße beseitigt.“

1919/20 wurde ein neues Anschlussgleis und ein neuer Kohlebunker an der Schachtanlage Lothringen I/II in Betrieb genommen: für Kohlelieferungen an die 21 Kilometer entfernte Henrichshütte in Hattingen. Ob dabei der alte Gleisanschluss von 1911 reaktiviert wurde, ist offen. 1924 wurde der Kohletransport eingestellt.

Das Beitragsbild zeigt die Zeche Lothringen I/II, fotografiert von der heutigen Bethanienstraße (bis 1929 Glückaufstraße). Von dieser Seite aus wurde vermutlich das Anschlussgleis auf das Zechengelände geführt, allerdings einige Meter weiter südlich. Dort lagen die Straße und die Abstellgleise der Zechenbahn auf gleichem Niveau (Verlag Cramers Kunstanstalt, Dortmund (Ausschnitt) – Sammlung Ludwig Schönefeld).